Deutsche Identität

Ein Suchen ohne Finden?

Wer sich auf die Suche nach der deutschen Identität begibt, muss sie verlieren. Nicht weil die Suche einem Hirngespinst nachjagt, sondern weil so etwas wie Einheit mit dem Beginn der Suche schon verloren war. Wie zwei sehnsuchtsvolle Augen, die einen Gegenstand erspähen wollen, den der bloße Blick zertrümmert. Das macht die Suche nicht wertlos. Nur ganz anders.

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Kinofilm

Raum ohne Sinn. Eine Notiz zu »Dunkirk«

So, nun habe ich auch endlich den gelobten Film gesehen. Es wurden schon viele Aspekte sehr detailreich und klug besprochen, da möchte ich auf etwas anderes den Fokus legen: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Zeitdimension in »Dunkirk« beinahe völlig verschwindet? Film ab, die britischen Soldaten schlendern bereits entmutigt durch Dünnkirchen, auf der Suche nach Wasser. Schüsse fallen (es müssten Deutsche sein, gezeigt wird das – wie schon von anderen erwähnt – freilich nicht), eine verlustreiche Flucht; dann: der Strand.

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Liberalismus

Als das Bürgertum das Tanzen verlernte

Je weniger Individuum, desto mehr Individualismus
– Adorno

Ein großer Schritt nach Vorn zwischen die Füße der Dame, wir drehen uns, drehen uns weiter, setzen den linken Fuß seitwärts zur Tanzrichtung auf, ziehen den rechten Fuß an den linken heran, versuchen unter den bösen Blicken des Lehrers Gleichgewicht und Tempo zu halten, dann noch ein Schritt und noch ein Schritt und bei alledem auch noch möglichst das Umfallen vermeiden, um bloß nicht so dumm dazustehen wie das Nachbarpärchen. Ja, der Tanzkurs in der Zehnten Klasse bleibt einem im Gedächtnis. Den tausende deutschen Schüler, die diese Tortur gerade über sich ergehen lassen müssen, sei Mitgefühl ausgesprochen.

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Neue Rechte

Der Liberalismus und die Kulturfrage

Die Freiheit verteidigen zu wollen – ist dies nicht der erste Irrtum der Populismusdebatte? Immerhin handelt es sich um keine Trutzburg, keinen Bunker, und um eine Front schon gar nicht. Die Freiheit besitzt keine Mauern, Torwächter und Mauerschützen; ja – die ganze Metapher zeichnet ein falsches Bild. Verteidigt wird Freiheit allenfalls gegen Gewalttäter und Eindringlinge. Der Neurechte Populismus aber sitzt im Inneren – und bis jetzt greift er nicht zur Gewalt. Er nutzt die vorhandenen Spielräume, gedeiht in unserer sympathischen Offenheit, bis die Freiheit zur bloßen Formalität seiner Machtübernahme verkommt. Wie aber umgehen mit einer solchen Bedrohung? – Eine Methode findet sich in den Archiven des Liberalismus: Die Dialektik. Und mit ihr die Chance der Neuerfindung.

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Helmut Kohl

Der Kongress tanzt nicht, er trauert

Man muss nur genau hinhören. Die Streicher spielen vorsichtig den ersten A-Dur-Akkord, ein schwerer, zweitaktiger Rhythmus legt sich über den Raum, beherrscht ihn, bis sich Bratschen und Violincelli dazugesellen. Dann ist es zu hören… ein leises, crescendo poco a poco erklingendes Wehklagen, unüberhörbar bahnt es sich durch die starren Verhältnisse der Prozession tief hinein in das menschliche Gehör. Der Atem stockt. Die Sargträger schreiten voran. Der Tote verlässt den Saal. Währenddessen übernehmen die ersten Violinen die zweite Stimme, die Schwere löst sich und lässt wohlklingende Höhen zu, man atmet durch – die Themen, anfangs mehr im Dunkeln liegend, stehen plötzlich in freundlich hellem Glanz dar.

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Koalitionsbruch

Parlamentarische Fahrlässigkeiten

Die Entwicklung der letzten Woche gleicht einem Politkrimi: Zuerst stellte sich Volker Beck vor die Delegierten des Grünen-Parteitags und forderte von seinen Parteikollegen die Öffnung der Ehe für Homosexuelle zur Koalitionsbedingung zu machen. Der Parteivorstand willigte mürrisch ein. Christian Lindner ging den nächsten Schritt und empfahl seiner FDP dem Beispiel der Grünen zu folgen. Schließlich signalisierte die Kanzlerin auf einem Podium der Zeitschrift ›Brigitte‹ überraschend, sie wolle die Frage dem parteipolitischen Streit entziehen und daraus eine »Gewissensentscheidung« machen. Im Bundestag werde die Fraktionsführung der CDU keine Fraktionsdisziplin einfordern.

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Konservatismus

Merkel, Oakeshott und die Ehe für alle

Es scheint zu den Gesetzmäßigkeiten der Bundesrepublik zu gehören, dass Kanzler ständigen Verratsvorwürfen ausgesetzt sind. Doch nicht aus dem Lager der Opposition, sondern aus dem eigenen: Adenauer war zu wenig national, Erhard zu liberal, Brandt ignorierte die Studenten, Schmidt war sowieso eigentlich ein Konservativer, Kohl hat uns den Euro eingebrockt und Merkel – nun ja – die ist ja eigentlich eine Sozialdemokratin. Erzählte man die Geschichte der Bundesrepublik aus der Sicht der hauseigenen Kanzlerkritiker, ergäbe das wohl einen recht absurden Erzählstrang. Rechte, die sich als Linke tarnen, Linke, die sich als Rechte tarnen, solche, die gar nichts sind – und jene, die alles sein wollen. Wenn Sozialdemokraten regierten, saßen eigentlich CDUler auf der Regierungsbank – und umgekehrt. Jede Legislatur würde nach Verrat und Heuchelei riechen. Nein, ein solches Geschichtsbuch möchte man ehrlich keinem Schüler zumuten.

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