Backpacking

Im Rucksack: die Freiheit

Es liegt ein geheimnisvoller Reiz in der Vorstellung, alles hinter sich zu lassen, um einfach aufzubrechen. In der Bewegung selbst liegt der Reiz. Die Tasche packen, sich in ein Flugzeug setzen und die Augen erst wieder aufschlagen, wenn in unbekannten Wörtern die Fremde aus Lautsprechern dröhnt. Wir wollen zu uns selbst finden. Wir brauchen eine andere Perspektive. Wir bedürfen eines Ortswechsels. Hier klingen Topoi an, die fest in die Populärkultur eingegangen sind.

Auch ohne diesen Prozess hier nachzeichnen zu wollen, drängt sich die Frage auf, was wir eigentlich tun, wenn wir aufbrechen. Das Wort gibt uns einen ersten Hinweis. Kriminelle brechen Autos auf, geheimnisvolle Kisten auf dem Dachboden der Großeltern werden aufgebrochen, „wir brechen auf“ schreit die Mutter, um die Kinder am ersten Ferientag in den vollbepackten Urlaubswagen zu rufen. Wir brechen in die Fremde auf. Eigentlich ist dieser Satz schon unpräzise, weil er den zweiten Schritt vor dem ersten benennt. Bevor wir uns in die Fremde – und dieses Wort kann hier jedes subjektiv Unbekannte meinen – aufmachen, sie entdecken und beleuchten, geschieht noch etwas anderes. Wir öffnen das bisher Bekannte, um durch einen kleinen Riss zu entkommen. Wir brechen die Welt auf, unsere Welt, um in eine neue einzutauchen. Der Entschluss zur Reise birgt den Wunsch zur Weltenwanderung.

Michael Berndt führt ein beschauliches Leben im ländlichen Sachsen. Er absolviert eine Metzgerlehre, […] ist im Grunde seines Herzens frustriert. Er langweilt sich, will raus aus dem Alltagstrott, was erleben, die Welt sehen! So bricht er mit 23 Jahren eines Tages ohne Vorbereitung und mit nur 700 Euro im Gepäck nach Australien auf. […] Er schwimmt in einem mit Krokodilen verseuchten Gewässer, wird später auch überfallen und ausgeraubt, einmal auch verhaftet, weil er am Strand Sex hatte. Doch er reist weiter und kostet das Leben bis zum Äußersten aus, lässt sich tätowieren, nimmt allerlei Drogen und beschließt, in jedem Land mit einer anderen Frau zu schlafen. […] Als er schließlich nach Deutschland zurückkommt, spricht er mehrere Sprachen fließend und ist ein weltoffener Mensch geworden, der weiß, dass Begegnungen mit anderen Menschen viel wertvoller sind als alles, was man mit Geld kaufen kann.

Diese Zeilen beschreiben kein rein fiktives Phänomen. Sie sind der Verlagsankündigung einer – so der Autorenanspruch – authentischen Reiseschilderung entnommen. Ein Buch, das nicht gerade Exemplar eines Nischengenres ist. Im Gegenteil. Der Büchermarkt ist gefüllt von Autoren, die erzählen, wie sie in Australien ein Känguru angefahren und verarztet haben, über Nacht bei ehemaligen Vietkong-Soldaten unterkamen, sich im Großstadtdschungel Pekings verliefen oder mit Karnevalisten auf den Straßen Rio de Janeiros tanzten. Die Gemeinsamkeit dieser Geschichten ist, dass sie die literarische Oberfläche eines viel umfassenderen Phänomens bilden, das einen unscheinbaren und unschuldigen Namen trägt: Das Backpacking.

Das Phänomen ist so stark in unsere Alltagswelt eingegangen, dass wir nicht gewohnt sind, darüber zu staunen. Doch die Zahlen sind beeindruckend. Allein für Deutschland kommt eine Studie zu dem Ergebnis, dass mittlerweile fast jeder Dritte nach der Schulausbildung eine mehrmonatige Auslandsreise unternimmt. Damit ist die Spitze des Eisbergs aber nicht erreicht. Der World Travel Monitor rechnet damit, dass mittel- und langfristiger Jugendtourismus bereits ein Fünftel des weltweiten Tourismusmarktes ausmacht. Backpacking ist zu einem globalen Phänomen geworden, das überall auf der Erdkugel in unterschiedlichen Erscheinungen auftritt: Work and Travel, Auslandsjahr, Gap Year, Low-Budget-Travelling, freiwilliges soziales Jahr und so weiter.

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Backpacking // CC0 1.0

Bei allen Differenzen der Gestalt ist der Kern doch immer der gleiche. Jugendliche und junge Erwachsene packen ihre Sieben Sachen in einen Rucksack, um mit wenig Geld eine oder mehrere fremde Regionen zu durchreisen. Auf Tour bleiben sie über mehrere Wochen, Monate, ja manchmal sogar über mehrere Jahre hinweg. Es handelt sich um den Aufbruch einer Generation, für die die Globalisierung kein Feuilletonthema, sondern eine erfahrbare und wahrscheinlich lebenslang zu erfahrene Erscheinung bildet.

Die Tourismusforschung hat sich explosionsartig entwickelt, seit Hans Magnus Enzensberger von der „vergeblichen Brandung der Ferne“ sprach. Die Forschungsjournale, Institute, Monographien und Sammelbände zum Thema Tourismus sind ihrem Gegenstand gefolgt und haben sich rapide vervielfacht und ausgebreitet. Marco d‘Eramo hat vor kurzem mit einigem Recht sogar das „touristische Zeitalter“ ausgerufen. Doch der Blick auf die Avantgarde dieser Entwicklung, die Backpacker, ist immer noch zu klein geraten. Unverstanden ist zum Beispiel, welche Geschichte hinter diesem globalen Aufbruch steckt. Woraus ist er entstanden? Aus welchen Motiven nährt er sich? Und wohin wird er gehen? Vor allem aber: Was bedeutet es, wenn sich große Teile jüngerer Generationen massenhaft dazu entschließen, in die Welt aufzubrechen? Diese Fragen können im Folgenden naturgemäß nicht erschöpfend beantwortet werden. Trotzdem lohnt es sich, einen genaueren Blick zu wagen. Denn vielleicht gibt uns das Phänomen auch einen Hinweis darauf, wie es um jüngere Generationen eigentlich bestellt ist, die im Zuge populistischer Umwälzungen wieder zum Adressaten politischer Anklage und Agitation geworden sind.

Das Phänomen Backpacking zu skizzieren heißt eigentlich, die Geschichte des jugendlichen Auf- und Ausbrechens schlechthin zu schreiben. Nicht deshalb, weil wir es mit einem weltweiten spontanen Reiseimpuls zu tun hätten, sondern weil sich der Backpacker bei aller routinierten Vorausplanung der Reise typischerweise noch immer auf Begriffe stützt, die seine Geschichte als spontane Abgrenzung von seinem bisherigen Leben markieren. Diese Begriffe sind aber nicht neu. Sie wurden von vorherigen Generationen zu ganz ähnlichen Zwecken gebraucht.

Es war im Sommer des Jahres 1897. Irgend etwas Zwingendes lag in der Luft. Den Gründerjahren, die den mächtigen Aufschwung des Industrialismus und der verwirklichten technischen Erfindungen gebracht hatten, ging ein merkwürdiges Absterben der Lebenswerte parallel. Die Jugend fühlte sich aus ihrem Reich verdrängt. […] In den Schulen waltete ein Geist der Erstickung alles jugendhaften Wesens. Das nackte Dasein als solches war langweilig, steril geworden

Mit diesen Worten lässt Werner Helwig seine Romanze über die Entstehung der deutschen Jugendbewegung beginnen. Aus einem Stenographen-Zirkel entwuchs am Steglitzer Gymnasium die erste Ortsgruppe des Wandervogels. Aus dieser formierte sich eine Aufbruchsbewegung, die 1912 schon 25.000 Mitglieder zählte. Sie versammelten sich unter dem Ziel, die Wälder zu durchwandern und bei Lagerfeuer in Ruinen zu übernachten. Die Wanderromantik gehörte dazu. Ja, ohne die Konstruktion des Schaurigen, Spontanen und Wilden ist die Bewegung vielleicht gar nicht erklärbar.

Steglitz wurde der Mutterboden einer Jugendbewegung, […] die sich das Ideal der fahrenden Schüler aus dem Mittelalter holte […] und in romantischer Begeisterung in wenigen Jahren sich über ganz Deutschland ergoß, sodaß zu Tausenden und Abertausenden die vom Alter gekränkte Jugend durch die Wälder brauste“.

So notiert ihr invertierter Chronist Hans Blüher. Das Aufbruchserlebnis ist hier kollektiviert, in historische Konzepte gegossen. Das eigentümliche des Wandervogels aber war, dass er mit seiner Ideologie und Breitenwirkung eine genuin politische Bewegung darstellte, die sich dieses politischen Anspruchs aber zu Beginn nicht bewusst werden wollte. Die völkischen, antisemitischen und deutschnationalen Elemente flossen daher später unwillkürlich umso leichter hinein. Somit steht der Wandervogel am Beginn einer Entwicklung, die das In-Bewegung-Kommen junger Generation als modernes Phänomen begreifen lässt. Der Wandervogel setzte sich – eifrig und protestierend – von seiner humanistisch-protestantischen pädagogischen Umwelt ab. Die Welt, aus die er hinauswollte, war die Enge der Industriegesellschaft des jungen Kaiserreichs. Die Welt, in die er hineinwollte, war die explizite Unberechenbarkeit, der Rausch der Romantik.

Es dürfte klar sein, dass die Wandervogel-Bewegung für den heutigen Backpacker kein bewusstes Vorbild mehr ist. Nicht nur sind die Gräben der Zeit zu tief, auch gibt es kein Bedürfnis für eine unorganisierte Bewegung, sich in historische Linien einzusortieren. Es gibt jedoch einen Vorgänger, der auch subjektiv von Bedeutung ist: Der Hippie-Trail. Noch immer tragen viele Backpacker On the Road von Jack Kerouac bei sich, wenn sie an den Ufern des indischen Ganges entlangfahren. Jener Roman der beat generation, trotz aller klaffenden Unterschiede zum heutigen Jugendtourismus, scheint als Ideal über den Reisenden zu schweben.

Was verbindet einen heutigen Jugendlichen mit einem Roman, der in der Mitte des letzten Jahrhunderts verfasst wurde? Insbesondere das Konzept der „Straße“ birgt Übertragungsmöglichkeiten. Sie ist „nicht nur Fluchtrichtung und Ort einer mobilen Existenz, sondern der Raum eines ursprünglicheren, echteren Lebens. Straße ist Amerika, ohne die Verfälschungen seiner sozialen Routine; die Straße ist die Realität jenseits der sozialen Existenz.“, schreibt Ursula Brumm. Auch für die beat generation war der Aufbruch begrifflich präsent. In Form einer individualistischen Bewegung, die ihre politische Gegenwelt auf Reisen entwarf. Eine Gegenwelt, die sich von der allzu stillstehenden amerikanischen Gesellschaft der Mitte des 20. Jahrhunderts explizit als bewegende abgrenzte: Wir lassen uns nicht nieder, unser Leben ist noch nicht zur Schließung bereit.

Es lohnt sich, den Hippie-Trail, dessen Bahn die beat generation vorformte, geographisch zu lesen: Über Osteuropa nach Istanbul, Teheran, Kabul, schließlich nach Peschawar und Lahore – und noch weiter ins unbekannte Goa, Dhaka, Bangkok oder Kathmandu. Weitere Reisen nach Südindien, Sri Lanka und noch östlichere Ziele waren üblich. Raus aus dem bekannten Leben, aus der eingefrorenen Welt, rein ins Undurchdrungene. Der Reisende wollte in die Fremde, um sich zu entfremden. Nur ein radikaler Kontextwechsel birgt die Möglichkeit zur Selbstbestimmung.

Hier entstand auch das äußere Bild, das für das heutige Backpacking noch prägend ist: Der getragene Rucksack. Ohne dessen Phänomenologie ist der Jugendtourismus nicht zu verstehen. Denn er verkörpert die Mobilität, die den Backpacker erst ausmacht. In einen Rucksack passt nicht viel rein, nur das nötigste, wie Essen, Kleidung, Besteck, Dokumente, Reiseapotheke – und natürlich: Digitalgeräte zur Aufzeichnung der Reise. Ein Rucksack wird selbst getragen und von keinem Kofferträger geschleppt. Außerdem ermöglicht er ungeteerte Gebiete zu durchqueren. Ohne Rucksack, kein Backpacker. Das zeigt schon die Tatsache, dass selbst in der massenhaft ausgeweiteten Reise-Infrastruktur weltweit, die längst das simple Zurückgreifen auf Rollkoffer gestatten würde, der Rucksack weiterhin als Erkennungszeichen und Statussymbol fungiert.

Kann man Backpacking überhaupt als eine Art des Reisens verstehen? In vielen Hinsichten muss das Phänomen eher als eine symbolische Position gelesen werden, die sich bewusst von allen anderen abgrenzt. Denn eines will der Backpacker sicher nicht sein: ein üblicher Tourist. Dessen Reisestil wird als materialistisch, langweilig, dekadent und einfältig abgestempelt. Er selbst hingegen hingehen beschreibt sich als abenteuerlustig, weltoffen, sinnsuchend und kreativ. Im Bestreben, nicht in die falsche Kategorie zu fallen, treibt ihn ein Gefühl, das der amerikanische Kulturwissenschaftler Paul Fussell vor einigen Jahren Tourist Angst nannte. Die Angst, wie jeder andere zu reisen. Die Angst vor dem sozialroutinierten Leben, das man eigentlich zurückgelassen hatte.

Im Durchschnitt handelt es sich bei Backpackern um Personen aus Industrienationen mit höherem Bildungsabschluss, die ein Studium anstreben und sich eine längere Reise mithilfe der Eltern leisten können. Ihre Distanzierung vom klassischen Touristen einerseits wie vom Stubenhocker andererseits lässt sich in dieser Perspektive noch einmal anders verstehen. Ein gewisser Klassencharakter offenbart sich. Die Distinktion des Backpackers vom Massentouristen scheint die funktionale Ebene eines grundsätzlicheren Distinktionsbedürfnisses bestimmter Mittelschichtsegmente zu sein. Statt daheim zu bleiben, einen billigen Partyurlaub auf Mallorca anzupeilen oder sich in schicken Luxushotels aufzuhalten, pflegt er auf aufregende Sinnsuche zu gehen. Dass die breit entwickelte Backpacker-Industrie, von Reiseführern über Reiseplanungsunternehmen bis zu vorgefertigten Routen, mittlerweile selbst massentouristischen Charakter bekommen hat, wird von ihm ideologisch überspielt. Die Pfade, auf denen er wandelt, vertragen keine Reisegruppen. Mit jeder Verbreiterung und Vermassung seines Anliegens nähert es sich der Karikatur. Auch der Backpacker flieht vor sich selbst. Vermutlich kommt es daher, dass sich die Polemiken gegen ihn häufen.

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Backpacker-Treffpunkt in der Khao San road (Bangkok) // Mr. Peerapong Prasutr // CC BY-SA 4.0

Dass der Reisende sein industrielles Treiben mit Abenteuergeschichten überdeckt, ist keine neue Erkenntnis. Schon Enzensberger sprach von „Tourismus als Massenbetrug“. Rund vierzig Jahre später bezeichnet Stephen Greenblatt die Geschichte des Reisens als „die Geschichte der gewollten und kontrollierten Entfremdung“. Aber hat es sich die Tourismuskritik, wie sie in diesem Geist entstand, nicht zu leicht gemacht? Der Widerspruch zwischen Handeln und Glauben des Touristen erledigt seine Sache noch nicht. Auch in Hotelburgen ist das Sammeln wertvoller Erfahrungen nicht ausgeschlossen. Es gilt die Utopie, die der Reisende entwirft, beim Wort zu nehmen.

Aus dem Anliegen, die ideologische Welt des Backpackers in Worte zu fassen, ist in den letzten Jahren ein sympathisches Forschungsästchen gewachsen, das seinerseits ein interessantes Phänomen bildet. Mehrere empirische Studien liegen mittlerweile vor. Die Association for Tourism and Leisure Education veranstaltet regelmäßig eine internationale, interdisziplinäre Forscherkonferenz, um Backpackerbewegungen weltweit zu untersuchen. Besonders hervor sticht allerdings das neuere Bemühen von Kulturwissenschaftlern und Ethnologen, das Phänomen Backpacking ernst zu nehmen und mit ihrem fachlichen Handwerkszeug zu untersuchen. Dafür reisen sie selbst etwa für Dissertationsprojekte mit Backpackergruppen durch Afrika, erkunden verlassene chinesische Dörfer oder schlafen zwischen anderen Reisenden im australischen Outback.

Die Entdeckungen, die sie dabei machen, überschneiden sich an einem Punkt: Die realen Reiseerlebnisse sind aus einer objektiven Perspektive nicht das entscheidende. Ja, sie sind in vielen Fällen sogar recht trivial. Eine Mütze, die ein deutscher Backpacker in einer entlegenen australischen Kneipe geschenkt bekommt, reicht schon zur Erlebniskonstruktion aus. Der Backpacker ist kein Abenteurer aus dem 17. Jahrhundert, er entdeckt keine entlegenen Erdteile oder -Erdvölker neu. Er entdeckt sie für sich. Das heißt, er wandelt geographisch-kulturelle Kontextveränderungen in veränderte Selbstbilder um. Er vermisst keine fremden Räume, er will sich neu vermessen. Das, was dabei herauskommt, nennt Jana Binder Globality. Der Backpacker erschafft sich neu, er wird global. Er unternimmt den Versuch, sich in den anonymen Prozess der Globalisierung mit eigenen Händen und Füßen einzufügen.

Dieser Versuch ist zunächst aus der Not geboren: „Backpacker entwerfen sich entlang von Charakteristika, die einen aktiven und erfolgreichen Umgang mit den Anforderungen ermöglichen, denen sich die Protagonisten […] ausgesetzt fühlen: sie müssen beweisen, dass sie flexibel, mobil, teamfähig, interkulturell kompetent und selbstständig sind“, so Binder. Doch was dabei entsteht, kommt einer Utopie gleich.
Der Backpacker will frei sein. Er will sich dorthin bewegen, wohin er möchte. Doch anders als in den ökonomischen Routinen, die ihm bekannt sind, ist damit kein Plan fürs Leben gemeint. Zum Ideal macht er sich stattdessen, die Willensbestimmung an jedem Tag neu vorzunehmen. Das Ziel wird Tag für Tag festgelegt, während die Richtung nicht von Sachzwängen vorweggenommen wird. Die Nachbarstadt ist nur so weit entfernt wie der nächste Kontinent. Moderne Reisemittel sollen bis ans Äußerste genutzt werden, um die Geschwindigkeit, den Ortswechsel, das Sprunghafte am eigenen Körper zu spüren. Der Backpacker will fühlen, dass er gerade mehrere tausend Kilometer an einem Vormittag zurückgelegt hat.

Begünstigt wird das Treiben durch den rasanten Aufstieg von Billigairlines und der infrastrukturellen Erschließung auch entlegenster Regionen. Darin ist die Fähigkeit eingeschlossen, zwischen Kulturen, Sprechweisen, Kontexten und Räumen schnell wechseln zu können. Die Fremde nur solange fremd behandeln, bis man sich auf sie eingelassen und verstanden hat. Das Gemeinsame mit Menschen finden, die auf der anderen Seite der Welt wohnen. Der Backpacker spinnt Netze über den gesamten Globus hinweg, die sich über die unglaublichen Backpackerzahlen weltweit zu unwahrscheinlicher Dichte potenzieren. Auf verschiedenen Plattformen und Foren formieren sich ganze Communities aus flüchtig bekannten Personen, die zu Reisezwecken Kontakt halten und sich austauschen. Die viel beklagte „Atomisierung“ der Gesellschaft bewirkt eben auch positives, denn sie ermöglicht unglaubliche Verknüpfungs- und Vernetzungspotenziale. Was hier vorscheint, ist die gute, leicht zu vergessende Seite der Globalisierung.

Das gilt insbesondere für weibliche Backpacker. Man schätzt den Anteil junger Frauen am weltweiten Jugendtourismus nahe bei fünfzig Prozent. Das ist besonders bemerkenswert, bedenkt man, dass noch für deren Elterngenerationen Reiseunternehmungen einseitige Angelegenheiten waren. Noch in den 1980er Jahren, als mit dem Interrail-Ticket das jugendliche Reisen zu einem Massenphänomen wurde, blieben Mädchen und junge Frauen häufiger am Bahnhof stehen. Die Erlaubnis, ohne männliche Begleitung oder überhaupt zu reisen, war selten. In dieser Hinsicht stellt die Möglichkeit, alleine den Globus zu bereisen einen enormen Emanzipationsgewinn dar.

Wie lässt sich der Identitätsentwurf Globality in all seinen verschiedenen Konturen im Kern beschreiben? Vielleicht am ehesten als die Idee, sich an die mannigfaltigen Möglichkeiten der Globalisierung ranzutasten, sie am eigenen Leib zu erleben, um sich schließlich in ihren Wechselhaftigkeiten zurechtfinden zu können. Seine Reisepraxis ermöglicht dem Backpacker sich aktiv in den Globalisierungsdiskurs einzuschreiben. Und das ist durchaus in einem wörtlichen Sinn zu verstehen. Backpacker kleben Fotos und Sticker ihrer Reiseziele auf die Kleidung und auf den Rucksack. Noch üblicher ist das flüchtige Mitnehmen von Alltagsgegenständen (keine Souvenirs!) aus aller Welt. Nicht selten sind Tattoos von Kompassnadeln, Länderumrissen, Landkarten und Globen. Die Reise will vorgezeigt werden.

Die Backpacker arbeiten an einem „Gegenentwurf zur Sesshaftigkeit und zu den
stilisierten Strukturen modernen Alltagslebens mit all seinen Routinen, territorialen Verpflichtungen, seiner Zielhaftigkeit und Zweckmäßigkeit“, so Binder. Für sie erscheint das anOrt und Kontext gebundene Leben in ihrer Heimat seltsam rückständig und unbewegt. Einige untersuchte Reisende berichten davon, wie sie nach einem Jahr voller Erlebnisse zurückkehren, um dann bemerken zu müssen, dass es scheint, als wäre für ihre Freunde und Familien gerade einmal eine Nacht vergangen. Auf Reisen wird das längst Vergangene also aufgebrochen, um Austausch, Wechsel, Synergien freizusetzen. Zur Frage, woher dieser massenhafte Reiseimpuls kommt, können wir also eine erste Antwort wagen: Er entsteht aus dem Innersten unserer sozialen und politischen Wirklichkeit. Den Backpacker treibt ein Hunger nach Welt. Das ist sein politisches Programm.

Aber wie ist es um die Realität seiner Utopie bestellt? Seine Reise verläuft in keinem
Vakuum. Die Grenzen etwa, die er überwindet, sind nur von einer Seite her offen. Visums für beinahe alle Länder der Welt sind für Reisende aus westlichen Industrienationen nur ein längerer Verwaltungsakt, den sie leicht überwinden können. Für Bewohner des globalen Südens sind sie beinahe unerreichbar. Aufenthaltsgenehmigungen und Einreiseerlaubnisse sind für sie schwer zu bekommen – und selbst wenn das Seltene einmal geschieht, so treffen sie in der Fremde, als „Fremdlinge“, auf Ablehnung und Ressentiments. Für den Backpacker spielt dieser Umstand selten eine große Rolle. Mit der Ausbreitung seines Phänomens sind die Verknüpfungen zwischen Locals, also ansässigen Bewohnern, und Reisenden auf ein Minimum geschrumpft. Interkultureller Austausch bedeutet immer mehr, dass sich deutsche, britische, französische, amerikanische, kanadische, schwedische, italienische und spanische Backpacker austauschen, während sich der Kontakt zu Einheimischen auf Dienstleistungspersonal beschränkt. Es gibt mittlerweile ganze Backpacker-Enklaven, die sich von ihrer regionalen Umgebung abschotten. Haben die durchschnittlichen Bewohner dieser Communities überhaupt noch ein Wörterbuch der regionalen Sprache bei sich? Die einzige Sprache, die sie ehrlicherweise brauchen, ist Englisch.

Aus der umgekehrten Perspektive beschreibt Globality eher die Verdoppelung der einseitigen Globalisierungsbewegungen, weil der Fluss zwischen reichen und armen Regionen nur noch einseitiger wird. In der Ideologie und im Sprachgebrauch des Backpackers finden sich deswegen kolonialistische Spuren. Die Konstruktion der Fremde, als unberührte und elementare Äußerung authentischen Daseins, geht mit  einer Romantisierung ausgebeuteten Lebens einher. „The adventures, the search for exoticism, authenticity, and ‘virgin’ territory, when amalgamated in the experience of Western backpackers, inevitably entail and evoke imperialist and neocolonial themes, in varying degrees of explicitness“, kritisiert Chaim Noy.

Der Backpacker versteht sich als Zeitreisender. Er sucht die selige Vergangenheit in geographischer Ferne. Die Menschen, die darin leben müssen, begutachtet er mit einer ambivalenten Mischung aus Staunen und Herabsetzung. Immer seltener hingehen ist ein tatsächlich eintretender habitueller Positionswechsel des Beobachters. Woher kommt die häufige Blindheit gegenüber der tatsächlichen Welt, zu deren Entdeckung das Backpacking ja angetreten war? Eine wesentliche Verengung des Blicks dürfte im Nachhinein eintreten. Denn der Backpacker – und das ist entscheidend – begibt sich auf Reise im sicheren Bewusstsein zurückzukehren. „Contemporary backpackers do not fit the description of drifters, deviants and escapees […] from the 70s. In general, they are (future) pillars of society, on temporary leave from affluence, but with clear and unwavering intentions to return to ‘normal’ life”, beobachtet Anders Sørensen.

Entsprechend verpönt sind Dauerreisende. Der Backpacker grenzt sich auch hier von seiner Konkurrenz ab und will seine Reise erfolgreich beenden. Wir haben den Identitätsentwurf Globality vorhin bewusst als Utopie gelesen, doch gegen die materiellen Verhältnisse kann diese Utopie nur im Moment und für den Moment des Reisens aufrechterhalten werden. Danach wird sie zur Chimäre, sofern sie sich nicht ins Politische übersetzt. Gerade das ist aber seltenste Weg. Das genuin politische Element seines Identitätsentwurfes bleibt dem Backpacker verborgen, denn die Reise selbst bietet tausendfache Überdeckungsmöglichkeiten. Sein Ausbruch aus den sozialen Routinen äußerte sich geographisch, weil es naheliegender für ihn ist, dem Raum der Verhärtung zu entkommen als an dessen Aufweichung zu arbeiten. „Jede Flucht“ aber, schreibt Enzensberger, „wie töricht, wie ohnmächtig sie sein mag, kritisiert das, wovon sie sich abwendet.“

Die Rückkehr gehört für den Backpacker untrennbar mit seinem Aufbruch zusammen, weil sich seine Reise erst dort in soziales und kulturelles Kapital verwandeln lässt. Seine globalen Netzwerke bieten Kontakte zur ökonomischen Verwertung. Die erlernte kulturelle Kompetenz ist in einer sich globalisierenden Ökonomie hochwertig einsetzbar. In dieser Hinsicht ist es konsequent, dass das Einlegen eines Gap Year etwa in Großbritannien längst zur impliziten Anforderung an einen karrierebewussten Lebenslauf geworden ist. Auch in Deutschland deuten die Zeichen darauf hin, den Aufbruch in die Fremde als Investition ernst zu nehmen.

Wenn nicht alles täuscht, nähert sich das Backpacking damit sowohl in dessen Praxis als auch in dessen gesellschaftlicher Einbettung dem Massentourismus an. Dass die Narration des Backpackers mit ihrem Massencharakter zunehmend klischeehafte Züge bekommt, stellt in dieser Hinsicht eine Normalisierung dar. Ein Abfinden mit diesem Zustand oder das Jagen nach noch exotischeren, ferneren Zielen sind aber nicht die einzigen Alternativen. Massentourismus wie Backpacking tragen immer noch enormes Öffnungspotenzial in sich – besonders in einer politischen Umgebung, die zur Schließung drängt. Die Reiseerfahrung junger Generationen bietet genügend Möglichkeiten zur kritischen Bereicherung ihrer Lebenswelt. Wir verdanken ihnen eine Utopie der Globalisierung. Nicht ihre Entfremdung und Ökonomisierung haben die Backpacker
angestrebt, sondern die Verfügbarmachung der Erdkugel. Es bleibt daher zu hoffen, dass sie in die Welt, von der sie aufgebrochen waren, nicht unverändert zurückkehren.

Hinweise

Dieser Essay entstand gemeinsam und in steter Auseinandersetzung mit Yassin Domke und wurde ebenfalls in der Onlinevariante des Freitag veröffentlicht.

 

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Ein Gedanke zu “Im Rucksack: die Freiheit

  1. Toller Artikel zu einem aus meiner Sicht hochaktuellen Thema.
    Besonders gefallen hat mir die Darstellung der Klassenbildung. Leute die Backpacken erzählen mir oft, sie seien mit so vielen Menschen in Kontakt gekommen. Beim genaueren hinhören stellt sich oft heraus das es meist andere Backpacker waren oder Menschen die vor Ort leben und sich auf die Betreuung von Backpackenden spezialisiert haben.
    Die kolonialistische Suche nach neuen, ferneren und einsameren Reisezielen wurde ebenfalls treffend ausgeführt.
    Zum Schluss bin ich etwas weniger optimistisch, auch wenn der kulturelle Austausch durchaus einen positiven Aspekt des Reisens an sich darstellt. Ich sehe Reisen als Flucht vor Zuständen die sich schwer aushalten lassen und oft scheint der einzige Effekt eine Entlastung für eine gewisse Zeit zu sein.

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